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Gedanken:  Asylsuchende und Qualifikation

Schulbesuch - Hochschulabschluß - Fachkräfte - Statistik


Einige, doch eher wenige, Asylsuchende, aus dem Nahen und Mittleren Osten, oder Afrika, haben einen Hochschulabschluß. Viele haben immerhin die Schule bis zu 11 oder 12 Jahre lang besucht. Doch manche Asylsuchende sind der lateinischen Schrift nicht mächtig.

Es gibt in erster Linie zwei Gründe, warum die oft miß-brauchte Sage von den "Ärzten und anderen Fachkräften" entstand.

Zum einen sprachen viele Politiker, Presse- und andere Leute, wenn sie "Zuwanderer" sagten, von Statistiken aus vergangenen Jahren, 2012, 2010 und älter.
Zu dieser Zeit aber waren viele Zuwanderer, die damals überdies meist aus den EU-Ländern kamen, tatsächlich gut ausgebildet und verfügten tatsächlich über viele Hochschulabschlüsse - zumal sich einige der Statistiken besonders auf BlueCard-Zuwanderer und andere, die mit einer Arbeitserlaubnis herkamen (also meist bereits eine Anstellungsvertrag in der Tasche hatten) bezogen.
Leider schauten einige Politiker, Wirtschaftsgrößen und Meinungsführer nicht so genau hin, auf welchen Grundlagen eine Statistik beruhte, und so wurden die ganz einfach auf die aktuelle Lage übertragen, denn, so dachten sie wohl, Zuwanderer ist Zuwanderer, und was damals galt, das gilt auch noch heute.

Zum anderen ist es so, daß es in anderen Ländern das deutsche System der Ausbildung nicht gibt. Eine "Fachkraft" dort hat ganz andere Kenntnisse als eine "Fachkraft" in Deutschland (die gemeinhin als jemand definiert ist, der eine Lehre erfolgreich abgeschlossen hat).
In vielen Ländern ist ein "Elektrikingenieur" etwa dasselbe, was in Deutschland ein "Elektriker" ist, diese Ingenieure werden jedoch oft als richtiger "Ingenieur" gezählt und erhöhen damit den Zähler für "Zuwanderer mit Hochschulstudium" - obwohl weder das eine noch das andere sachgerecht ist.

Auch heute wird noch oft mit Statistiken aus vergangenen Jahren gearbeitet, kalkuliert, geschätzt - ohne Berücksichtigung der Tatsache, daß nur dann interpoliert werden kann, wenn die Grundbedingungen gleich bleiben. Da sich diese aber 2014, spätestens 2015, gehörig geändert haben, sind die meisten Statistiken aus den Jahren davor nicht mehr und weniger als Datenmüll, geeignet für anekdotische Erzählungen, doch nicht für eine ernsthafte, wissenschaftliche, oder auch nur diesen Anschein erwecken wollende, Betrachtung (siehe dazu unten auch den "Zusatz" aus dem Jahre 2017).

Doch, zurück zur Frage, ob alle oder auch nur eine große Menge Asylsuchender gut ausgebildet sind, wie es oft in den Medien kolportiert wird.

Hier stoßen wir, ebenso wie bei vielen anderen Themen, in erster Linie auf das Problem der Definition. Selbst in Deutschland ist der Begriff "Fachkraft" nicht eindeutig festgelegt, die einen verstehen dies darunter, die anderen jenes.

Die "Wikipedia" schreibt beispielsweise dazu:
"Eine Fachkraft ist allgemein eine Person, die eine gewerbliche, kaufmännische oder sonstige Berufsausbildung erfolgreich absolviert hat. Personen mit akademischem Grad werden seltener als Fachkraft bezeichnet."


Alleine diese Definition zeigt bereits, wie schwierig es ist, abzugrenzen - denn wenn jemand mit einem akademischen Grad nicht als Fachkraft bezeichnet wird, in einigen Ländern aber viele Ausbildungen, die in Deutschland im dualen System als "Lehre" absolviert werden, nur durch ein Studium abgeschlossen werden können, wovon ist dann am Ende wirklich die Rede? Ist die Krankenschwester nun eine Fachkraft (Ausbildung in Deutschland) oder eine Akademikerin (Ausbildung in einigen anderen Ländern) - und nach den Regelungen welchen Landes?

Wir sehen, daß eine Definition alleine hier nicht weiterhilft, denn eine solche ist bei weitem nicht allgemeingültig - und als Folge davon ist weder der Begriff "Fachkraft", noch der Begriff "Akademiker" wirklich aussagekräftig.

Doch auch mit der "Schulbildung" kommen wir nicht weit, denn von Land zu Land unterscheiden sich Schulsysteme und das während der Schulzeit vermittelte Wissen. Dauert in Deutschland die "Grundschule" gemeinhin 4 Jahre, so sind es in anderen Ländern manchmal 6 Jahre, und was in Deutschland ein "Gymnasium" ist, das gibt es in einigen Ländern gar nicht oder es gibt dort (z.B: beim "College") eine Schulform, die hohe Gymnasiumsklassen mit niedrigen Universitätsklassen zusammenfaßt.
Und da haben wir noch gar nicht über die Lern-Inhalte oder -Schwerpunkte diverser Schularten gesprochen, die sich von Land zu Land ohne weiteres um 1, 2 oder auch mehr Schuljahre Lernzeit unterscheiden können.

Auch hier herrscht also ein Bedeutungswirrwarr und der deutsche Begriff "Abitur" kann weder allgemein übertragen, noch auch nur ohne Einschränkungen verglichen werden.

Und, um diesem Wirrwarr nun noch die Krone aufzusetzen, werden in den Statistiken diejenigen, die ihre Vorbildung mit Zertifikaten und Zeugnissen belegen können, mit denjenigen durcheinandergeworfen, bei denen die Ausbildung und Schulzeit nur aufgrund eigener Angaben, ohne Belege, abgefragt wurden.

Doch, nehmen wir jetzt einmal an, daß wir einen Idealzustand vor uns hätten, in dem alle Ausbildungen und Schulen miteinander vergleichbar wären und diese auch noch belegbar sind - welche Berufschancen könnte dann ein Fachanwalt des afghanischen Rechtes im deutschen Rechtssystem haben? Oder ein Spezialist für die Ölförderung in Wüstengebieten? Oder, ganz banal: ein Busschaffner, ein Kesselflicker, ein Lederfärber oder jeder andere Beruf, der in bestimmten Ländern und Wirtschaftsumgebungen seine Berechtigung und sein womöglich sogar sehr gutes Auskommen und soziale Achtung hat, in Deutschland aber nur in mikroskopisch kleinen Dosierungen benötigt wird, in direkter Konkurrenz zu in Deutschland ausgebildeten Kräften steht, oder nur um den Mindestlohn herum bezahlt wird?

Wieviele Spezialisten für Subsistenzsysteme braucht Deutschland, wieviele Ökonomen für Planwirtschaft und wieviele Anwälte für Stammesrecht, um es einmal bewußt zugespitzt auszudrücken.

Oder, in anderen Worten, selbst diejenigen, die man mit Fug und Recht als "Fachkraft" oder "Akademiker" bezeichnen kann, sind nur in geringer Zahl "berufsfertig" für den deutschen Arbeitsmarkt, und davon, aufgrund der Sprache, doch auch der Wisseninshalte für den Gebrauch der Kenntnisse in Deutschland, keine sofort, viele auch nicht nach einigen Jahren und nicht wenige sogar niemals.

In vielen Fällen wird also trotz Fachkraft- oder Akademiker-Status eine erneute Ausbildung oder eine umfangreiche Weiterbildung erforderlich sein - und das in einem Alter von 30, 40 und mehr Jahren.

In der Realität werden die meisten, selbst die ausgebildeten, Kräfte daher aus eigenem Willen oder durch den Zwang der Umstände in Arbeitsbereichen landen, für die eher keine, oder keine wesentliche, Ausbildung notwendig ist, sprich: Hilfs- und Anlerntätigkeiten - und der Arbeitslohn wird diese Umstände dann reflektieren.

(Artikel veröffentlicht Oktober 2015)


Zusatz 2017-07-11:
Dieser Artikel in der FAZ aus dem Oktober des Jahres 2015 zeigt eindrücklich, mit welchem Zahlenmaterial damals in der Politik (und bei den Medien!) gearbeitet und von welchen Voraussetzungen ausgegangen wurde, als der Höhepunkt der "Flüchtlingswelle" noch bevorstand.

Zusatz 2017-10-24:
Dieser Artikel in der Welt spricht davon, daß im Mai 2017 etwa 14% der Hartz IV-Bezieher aus den 8 zugangsstärksten Asylherkunftsländern (
Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien) stammen. Damit beziehen Flüchtlinge aus diesen Ländern, gemessen an ihrem Anteil an der Wohnbevölkerung Deutschlands, zu diesem Zeitpunkt mehrfach häufiger H4-Leistungen als Nicht-Flüchtlinge.


Lesen Sie auch diesen Artikel zur Problematik bei Flüchtlingsfamilien.



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