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Information:  Schmuggel in Nordafrika

Algerien - Tunesien - Libyen


Teil I: Schmuggel zwischen Tunesien und Libyen

Der Schmuggel zwischen Tunesien und Libyen hat eine lange Geschichte und geht auf die Zeit zurück, in der die französische Besatzungsmacht mit dem ottomanischen Reich eine Übereinkunft über die Grenze zwischen Tripolitanien und Tunesien traf, das war im Jahre 1910.
Die italienische Herrschaft über Tripolitanien begann 1911 und dabei wurde das Land in Libyen umbenannt.
Die Grenzziehung, die Frankreich vornahm, befand sich jedoch nicht genau an der Stelle, an der die eigentliche Grenze verlief - Tripolitanien endete früher nämlich an der Insel Jerba (Djerba), wobei Zarzis noch zu Tripolitanien gehörte; die neue Grenze verlief also einige Kilometer östlich und ist bis heute dort geblieben.

Im Jahre 1951 wurde Libyen unabhängig und 1956 auch Tunesien, in den 70er Jahren verhandelten beide Staaten darüber, einen gemeinsamen Staat zu bilden, doch ohne Ergebnis. 1978 und 1980 unterstützte der libysche Staatschef Ghadaffi zwei vergebliche Umsturzversuche gegen den tunesischen Präsidenten Bourguiba, 1984 brach Tunesien die diplomatischen Beziehungen zu Libyen ab. Der neue Präsident Tunesiens, Ben Ali, normalisierte ab 1987 die Beziehungen zwischen den Staaten und im Jahre 1989 wurde die arabische "Mahgreb Union" gegründet. Von 1992-2004 kam es nach dem Attentat von Lockerbie und der Beteiligung Libyens darin zu einem UN-Embargo gegen Libyen.

Die im Grenzbereich zwischen Tunesien und Libyen wohnenden Stämme, namentlich die Whergemma (westlich, ein Zusammenschluß aus drei Stämmen) und Nwayel (östlich) liefen seit 1910 zwar Sturm gegen die neue Grenze, doch sie konnten sie nicht verändern. Es sind diese beiden Stämme, die zu der Zeit ein Gebiet, das sich nach einer Landschaft "Jefara" nennt, und das auf tunesischer Seite die Städte Tataouine und Medenine, sowie auf libyscher Seite Zuwarah einschließt, beherrschen und ihr ihren kulturellen und wirtschaftlichen Stempel aufgedrückt haben. Durch die neue Grenzziehung kam es zu einem Abstieg der (bescheidenen) Prosperität des Gebietes, doch die Stämme fanden in den kommenden Jahren mit ihrer mal offenen, mal geschlossenen Grenze zu Libyen, ein neues Betätigungsfeld, nämlich den Schmuggel.

Die Stämme konzentrierten sich auf Geldwechselgeschäfte, Warentransporte und Personenschmuggel - denn in Libyen wurden Arbeiter besser bezahlt, als in Tunesien, zudem waren viele Waren in Libyen billiger, als in Tunesien.
Und so schafften die Stämme Waren von Libyen nach Tunesien und Arbeiter von Tunesien nach Libyen und kümmerten sich auch gleich um alle Geldwechsel- und Zahlungsformalitäten.
Dabei entwickelten sich feste Strukturen der Arbeitsorganisation - so gab und gibt es Stämme, die sich ausschließlich mit der Finanzierung des Schmuggels (und auch der Bestechung von Offiziellen) befassen während andere etwa die Fahrzeuge und Fahrer stellen.

Und auch die Regierungen von Libyen und Tunesien bedienten sich der Netzwerke, so tauschten libysche Offizielle mit ihrer Hilfe Geld, ließen Bankkonten eröffnen und Immobilien erwerben. Tunesien wiederum ließ die Netzwerke gewähren, um dem unterentwickelten Süden wirtschaftliche Impulse zu geben, doch gab auch bestimmte Regeln vor - so war den Netzwerken im Gegenzug dafür, daß sie unbehelligt schmuggeln durften, der Waffen- und Drogenhandel verboten und sie verpflichteten sich, derartige Geschäfte an die tunesischen Sicherheitskräfte zu melden, falls sie Kenntnis davon erhielten.

Die Schmuggelnetzwerke hatten dadurch eine totale "Marktmacht" und beherrschten die gesamte Region, so daß sie sowohl die Preise kontrollieren, als auch etwaige "Wettbewerber" fernhalten konnten, man kann hier mit Fug und Recht von "Kartellen" reden - andere würden sie einfach als Vereinigungen "organisierter Kriminalität" bezeichnen, doch dies ließe ihre wirtschaftliche und auch soziale (Arbeitsplätze) Bedeutung für die Region außen vor.

Mitte des Jahres 2010 kündigte die tunesische Regierung das Abkommen auf und versuchte, es neu zu verhandeln, dergestalt, daß zukünftig eine "Grenzsteuer" für Personen zu entrichten sei, die namentlich den Mitgliedern der "Trabelsi"-Familie zugutekommen sollte.
Es kam daraufhin in der Grenzregion (z.B. Ben Guardene) zu gewalttätigen Unruhen, und es darf ernsthaft spekuliert werden, daß diese Unruhen bzw. die dahinterstehenden mächtigen Familien  zum späteren Aufstand in Tunesien, der ja durchweg im Süden, und zwar entlang der Schmuggelroute nach Algerien, entstand, einen guten Teil beigetragen haben.

Mit der Ausrufung einer neuen Regierung in Tunesien brach der informelle Handel in der Jefara-Region zunächst zusammen, da Tunesien, aus Furcht vor einer Infiltration libyscher Kämpfer, die die neue Regierung Tunesiens stützen wollten, die Grenze zu Libyen schloß.

Doch schon bald wurde durch die hohe Nachfrage nach Schmuggel-Dienstleistungen das Geschäft wieder lohnend und möglich. Diesmal jedoch fand es in, gegenüber früher, umgekehrter Richtung statt, eine Auswirkung der Unruhen in Libyen - Flüchtlinge aus Libyen wollten nach Tunesien einreisen und in Libyen entwickelte sich eine hohe Nachfrage nach Gütern aus Tunesien. Das Preisgefälle war so hoch, daß die Schmuggler zeitweise Riesenbestände an Waren in Tunesien aufkauften und sie dadurch faktisch dort unerhältlich machten (z.B. Milch im Sommer 2011). Natürlich brachten die neuen Verhältnisse auch weitere Gelegenheiten, so benötigten die Flüchtlinge Geld und boten dafür Dinge an, die sie bei ihrer Flucht aus Libyen mitgebracht hatten, bei den Geschäftsleuten waren das namentlich edle Metalle (Schmuck, etc.) und bei Bauern waren es Schaf- und Ziegenherden - alle diese Waren wurden zu minimalen Preisen von den Schmugglern aufgekauft.

Es ergab sich, daß die meisten regimenahen (und reicheren) Flüchtlinge den nördlichen Grenzübergang (bei Ras Ajdir, Ras Jedir) nahmen, während die (meist ärmeren) Regimegegner eher über Dhehiba/Warzin (südöstlich von Tataouine) einreisten. Die reicheren Personen quartierten sich eher in Apartments und Hotels in der Gegend um Jerba oder anderen Touristengebieten von Tunesien ein, die ärmeren (meist berberstämmig und nur-arabischprachig) bei Privatpersonen (Freunde, Familien, doch auch viele "Verwandte im Geiste") im Grenzgebiet im Governorat Tataouine. Von der ersteren Gruppe werden noch heute 500.000 Personen als in Tunesien lebend geschätzt, bei der zweiten Gruppe waren es während des Krieges etwa 500.000 Flüchtlinge, von denen um die 200.000 zeitweise oder dauerhaft private Unterkünfte fand, die meisten dieser Gruppe sind nach dem Krieg jedoch wieder nach Libyen zurückgekehrt.

Im Zuge der Kriegs- und Nachkriegsperiode kam es zu einem extrem hohen Angebot von Waffen auf libyscher Seite, die im Tausch gegen andere Waren oder Geld nach Tunesien gebracht wurden.

In Tunesien wiederum ergab sich durch die schlechte Sicherheitslage eine erhöhte Nachfrage - Familien, die sich selbst vor Räubern schützen wollten, religiöse Gruppen, die in Tunesien lange unterdrückt worden waren und sich für zukünftige Ereignisse (Schutz oder Durchsetzung eigener Ziele) absichern wollten. Da die Sicherheitskräfte in Tunesien kaum noch respektiert wurden, nicht allzugut ausgerüstet waren und zudem die früheren "Vereinbarungen" nicht mehr galten, sahen sich auch die Schmugglergruppen, sowohl die etablierten, als auch neue, die nun "einsteigen" wollten, ermuntert, sich zu bewaffnen.
Und die Waffen die gehandelt und transportiert wurden, waren nicht nur Pistolen und Gewehre, sondern auch regelrechte Kriegswaffen, wie Maschinengewehre, panzerbrechende Granaten und Raketen, sowie anderes militärisches Gerät aus den Lagern des gefallenen Regimes und den Unterstützungs-Lieferungen der Anti-Ghadaffi-Allianz.
Ein Teil dieser Waffen durchquert Tunesien nur, etwa auf dem Weg nach Algerien (und weiter nach Mali, Mauretanien und Marokko) oder in den nördlichen Mittelmeerraum (Spanien, Frankreich, Italien, Balkanländer), doch ein guter Teil verbleibt auf den Territorium Tunesiens und wöchentlich werden von den tunesischen Sicherheitskräften Bewaffnete festgenommen und Waffenlager entdeckt.

Dennoch - das Hauptgeschäft des Schmuggler an der Grenze zu Libyen besteht aus "normalen" Waren, wobei die wachsende Nachfrage in Libyen nach beispielsweise Alkohol und Prostituierten neue Geschäftsfelder erschließt. Waffenschmuggel findet hauptsächlich als "Ameisenhandel" statt, also in kleinen Mengen und durch wenige Personen, gleichwohl nicht kontrollierbar.

Allerdings sind die Schmuggel-Netzwerke erschüttert - es finden Kämpfe um eine Neuverteilung des "Marktes" statt, sowohl zwischen den etablierten Gruppen, als auch neuen Gruppen, die von der Situation profitieren wollen.
Angeblich gab es vor einiger Zeit Verhandlungen zwischen der tunesischen Übergangsregierung (Laaryaedh) und den Whergemma-Stämmen, um die alte Vereinbarung aus der BenAli-Zeit wieder in Kraft zu setzen, doch die Regierung hat dies verweigert. Das Interesse der Stämme besteht darin, daß die tunesische Regierung die Grenze besser absichern soll, denn auf libyscher Seite streiten sich mehrere Milizen unter häufigem Waffeneinsatz um die Kontrolle des östlichen Jefara-Gebietes; dies macht etwaige Schmuggeloperation natürlich sehr schwierig und unkalkulierbar.

Sollten sich die Whergemma-Stämme gezwungen sehen, selbst für diese Sicherheit zu sorgen und sich entsprechend bewaffnen und agieren, dann besteht ein erhebliches Gefahrenpotential nicht nur für die direkte Grenzregion, sondern auch für Tunesien insgesamt, da Konflikte schnell in größere Städte getragen werden könnten.

Ganz im Süden Tunesiens gibt es eine weitere Schmuggelroute, die allerdings wegen der geographischen Verhältnisse sehr anspruchsvoll ist und nur von gutorganisierten Banden betrieben werden kann - hier scheint sich die internationale Maghreb-Terror-Gruppe AQIM zu betätigen. Dies ist der Bereich, der derzeit von der tunesischen Regierung als Sperrzone ausgewiesen wird und in der das tunesische Militär erhöhte Präsenz zeigt. Noch etwas weiter südlich, wo Tunesien endet und Libyen und Algerien aneinanderstoßen, wurden in der jüngsten Vergangenheit auf algerischem Gebiet mehrfach Lager von Kriegswaffen (Lenkwaffen, Flugabwehr-, Panzerabwehrwaffen, etc.) gefunden, so daß man den äußersten Süden Tunesiens und das daran südlich angrenzende Gebiet derzeit durchaus als Kriegswaffen-Schmuggelzone bezeichnen kann. Nicht weit davon entfernt kam es im Januar 2013 zu dem spektakulären Überfall auf eine Raffinerie in Algerien.

Es wird geschätzt, daß in Tunesien etwa 30% aller Arbeitsplätze durch Schmuggel und Schwarzmarkt bereitgestellt werden und daß die Umsätze in dieser "Schattenwirtschaft" etwa 40% des Bruttosozialproduktes ausmachen. Zur Erfolgsquote des Schmuggels zwischen Libyen und Tunesien wird geschätzt, daß sie etwa 90% beträgt, also die tunesischen Behörden nur etwa 10% der Schmuggelgutes finden bzw. sicherstellen können.
 

Fortsetzung: Schmuggel in Nordafrika - Teil II




(Erstveröffentlichung 2014 in einem Forum, für die Veröffentlichung hier vom Autor durchgesehen und bearbeitet)


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