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Information:  Schmuggel in Nordafrika

Algerien - Tunesien - Libyen


Teil II: Schmuggel zwischen Algerien und Tunesien

Ebenso, wie an der Grenze zwischen Libyen und Tunesien, blüht auch der Schmuggel an der - noch viel längeren - Grenze zwischen Algerien und Tunesien.

Diese Grenze verläuft, anders als durch die meist übersichtliche, wüstenförmigen Landschaft zwischen Libyen und Tunesien, durch waldiges und teilweise mittelgebirgsartiges Gelände. Der höchste Berg im Grenzgebiet zu Algerien ist der Berg Chaambi (1600m), der sich etwa 10km nordwestlich der Stadt Kasserine und etwa 20km östlich der Grenze zu Algerien befindet.

Nur im Süden und äußersten Süden verläuft die Grenze zwischen Tunesien und Algerien in der Wüste.

Dementsprechend stehen sowohl die Schmuggler, als auch vor allem die Sicherheitskräfte, vor anspruchsvollen Herausforderungen. Der Schmuggel in diesem Gebiet findet oft mit Fahrzeugen, doch fast ebenso oft auf dem Rücken von Tieren und Menschen statt und folgt dann zum einen Wegen, die durch Bodenkräfte kaum zu überwachen sind und die zum anderen manchmal nur einige Hundert Meter, beispielsweise bis zu einem "Erd- oder Höhlen-Depot" auf dem jeweiligen Landesgebiet, betragen.
Die eigentliche Tat der Grenzüberschreitung ist insofern in diesen Fällen kaum zu überwachen - und der Weitertransport aus den Depots kann dann zu "sicheren" Zeiten erfolgen, die abgewartet werden können.

Erschwerend kommt hinzu, daß es in diesem Gelände, anders als in der Wüste, natürlich eine höhere Bevölkerungsdichte gibt, die sich meist durch einzelne Gehöfte, doch zuweilen auch durch kleinere Orte, ausdrückt und das Gebiet wirtschaftlich genutzt wird (Land- und Waldwirtschaft), so daß Sicherheitskräfte stets vor der Frage stehen, ob es sich bei einem Transport oder einer Person um eine "normale" Tätigkeit oder eine, die mit Schmuggel in Verbindung steht, handelt (und in der Realität ist es natürlich völlig unmöglich, alles, was sich da bewegt und befindet, zu kontrollieren).

Das Problem wird verständlich, wenn man bedenkt, daß die tunesischen Sicherheitskräfte seit einem Jahr damit beschäftigt sind, im ca. 120 Quadratkilometer umfassenden Gebiet des Berges Chaambi nach vermuteten Terroristen zu suchen (und auf der algerischen Seite der Grenze tut das algerische Militär, ebenfalls mit tausenden Soldaten, dasselbe). Sogar die Artilleriebombardierung einiger Gebiete, wobei gleich auch große Teile der Wälder abgebrannt wurden, führte nicht zu einem Erfolg.

Einige angebliche Terorristen wurden festgenommen, andere getötet, doch der Blutzoll, den die Sicherheitskräfte zahlen mußten, war ebenso hoch. Beinahe täglich werden Verdächtige festgenommen und dann später wieder freigelassen, weil es sich nicht um Unterstützer der Terroristen, sondern um Bauern oder unschuldige Einwohner von Ortschaften handelte, die zum falschen Zeitpunkt an der falschen Stelle unterwegs waren. Nach einem Jahr steht weder fest, welche Identität die in diesem Gebiet vermuteten Terroristen haben, noch ob es überhaupt welche sind - und selbst, ob sie sich dort (noch) aufhalten, ist ungewiss. Es kann sich, statt um eine islamische Kampfgruppe, ebenso gut um die Mitglieder von Schmugglerbanden handeln, oder auch um eine Kombination aus beiden Gruppen, zumal die Grenzen, speziell bei der offiziellen Berichterstattung, da scheinbar verschwimmen.

Eine internationale Organisation spricht in diesem Zusammenhang von (engl.) "Islamo-Gangsterism", für den ich den im deutschen einprägsameren, doch ebenso ebenso sachgerechten, Begriff "Islamafia" wähle.

Von Algerien nach Tunesien werden hauptsächlich Zigaretten, Alkohol, in geringerem Umfang auch Benzin (der Schmuggel von Benzin findet aus Algerien hauptsächlich nach Marokko statt) verbracht. Doch auch Rauschgift und Waffen kommen von Algerien aus ins Land. Nicht alle Schmuggelgüter sind für Tunesien direkt bestimmt, einige durchqueren das Land nur, um dann schließlich in Libyen zu enden. Dementsprechend werden die West-Ost-Verbindungen, z.B. über Kasserine-Sidi Bouzid, oder Kasserine-Gafsa Richtung Sfax, oder Gabes, sowie eine Nordstrecke über Kef und Jendouba Richtung Tunis rege für Schmuggelgut genutzt und den tunesischen Sicherheitskräften gelingt es auch im Innenland öfters, einzelne Transporte und ganze Konvois zu stoppen - allerdings kann es dann auch manchmal zu Feuergefechten zwischen der Polizei und den Schmugglern kommen.

Wie schon im 1.Teil geschrieben, wird der Schmuggel von gut organisierten Netzwerken betrieben, die sich nicht nur um etwaige Schmiergeldzahlungen an Sicherheitskräfte kümmern, sondern die Transporte auch durch Erkundungsfahrzeuge und Begleitschutz absichern.
Von Tunesien nach Algerien transportieren Schmuggler meist Lebensmittel (speziell die, die in Tunesien subventioniert sind), ganze Herden von Tieren, Kleidung und Baumaterial.

Insgesamt findet sich aber, ebenso auch wie an der Grenze nach Libyen, eine große Palette von geschmuggelten Waren: Kleidung, Lebensmittel, Benzin, Baumaterialien, Alkohol, Zigaretten, Drogen, Elektronik, Haushaltsgeräte, Autoteile, Schmuck, Kosmetik, Möbel, Metalle (z.B. Kupfer) oder Dünger. Inwieweit es sich hier in allen Fällen um "Originale" oder um "gefälschte" Waren, beispielsweise aus asiatischen Ländern, handelt, ist eine andere Frage - die tunesische Regierung warnte bereits mehrfach vor Gesundheitsgefahren beim Kauf von Waren auf dem "Schwarzmarkt" (das kann man durchaus wörtlich verstehen, es gibt regelrechte Libyen- und Algeriermärkte in den Grenzgebieten, wo die geschmuggelten Artikel in großem Umfang verkauft werden, Käufer fahren mitunter quer durch Tunesien, um dort einzukaufen) bzw. von fliegenden Händlern (die meistens Schwarzmarktartikel, oft genug auch an Touristen, verkaufen).
Selbst komplette Autos werden über die Grenze geschmuggelt und erhalten dann z.B. in Tunesien neue Fahrgestell- und Motornummern.

Es wird geschätzt, daß sich seit dem Aufstand Anfang 2011 die Anzahl von Schmugglern, besonders im Grenzgebiet zu Algerien, aber generell auch in ganz Tunesien, etwa vervierfacht hat. Im westlichen Bereich (Grenze zu Algerien) trug dazu auch die sinkende Polizeipräsenz bei, die zuvor den Schmuggel noch in gewissem Umfang reguliert hatte.
Für den gesamten Bereich von Tunesien wurde im Jahre 2012 beispielsweise nur gut 1/10 des Schmuggelgutes aufgebracht, was noch im Jahre 2010 gefunden wurde.

Doch die tunesischen Sicherheitskräfte haben nach dem Aufstand auch die vorher guten Beziehungen zu verschiedenen Schmuggler-Netzwerken verloren. Diese Netzwerke waren im Westen, anders als an der Grenze zu Libyen, wo der Schmuggel unter der Kontrolle von Stämmen steht, von Geschäftsleuten beherrscht, einige wohl mit einem "guten Draht" bis in höchste Kreise des Regimes. Mit der Flucht bzw. Verfolgung dieser alten "Paten" organisieren sich die Netzwerke neu, und, ebenso wie an der Grenze zu Libyen, gibt es auch hier keine Vereinbarungen mit dem Regime mehr (auch im Westen wurden die Schmuggler nicht behelligt, solange sie die Hände von Waffen und Drogen ließen und das Regime über solche Händel informierten).
Auch hier haben sich die Schmuggler bewaffnet, zudem nutzen sie die verringerte Polizeipräsenz und vor allem -motivation. So ist es nicht ungewöhnlich, daß, wenn ein Schmuggler verhaftet wird, seine ganze Verwandtschaft vor der Polizeistation auftaucht und dort protestiert, wobei durchaus auch mal ein paar Molotow-Cocktails geworden werden.
Die Regierung gibt in vielen Fällen, besorgt um ihr Bild in der Öffentlichkeit, nach, und am Ende stehen die Polizisten, egal was sie nun taten, als die Verlierer dar. Da ist es verständlich, daß viele Beamte, im Falle eines Falles, lieber in die andere Richtung schauen oder sich an geschenkten Gegenständen erfreuen.

Und auch die Einwohner der Region selbst stehen eher auf der Seite der Schmuggler, denn im wirtschaftlich schwachen Westen des Landes hat sich auch 3 Jahre nach dem Aufstand keine Verbesserung der Lebensverhältnisse ergeben, eher im Gegenteil, da stößt es dann auf Unverständnis, wenn die Regierung den Einwohnern sagt, sie sollen mit dem Schmuggel aufhören, denn für viele dort ist es die einzige wirtschaftliche Aktivität, die überhaupt zur Verfügung steht.

Es gibt Anzeichen dafür, daß salafistische Gruppen zunehmend Einfluß auf Schmuggelaktivitäten nehmen, in einigen Stadtteilen großer Städte, wie Tunis, ist das Drogen- und Waffengeschäft schon in der Hand solcher Gruppen, in denen sich religiöse Bekenntnis (bei der Überzeugung wäre ich mir nicht so sicher) mit ordinärer Bandenkriminalität paart.
Dies ist die zuvor schon angesprochene "Islamafia", die danach trachten könnte, ihre Versorgungswege mehr und mehr selbst zu bedienen und die bisherigen Schmuggelkartelle abzulösen. Die Gruppen speisen sich dabei weniger aus religösen Eiferern, als aus jugendlichen Kriminellen, die den Salafismus als Bindeglied, zumindest nach außen hin, betrachten.
 


Fortsetzung: Schmuggel in Nordafrika - Teil III



(Erstveröffentlichung 2014 in einem Forum, für die Veröffentlichung hier vom Autor durchgesehen und bearbeitet)


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