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Information:  Schmuggel in Nordafrika

Algerien - Tunesien - Libyen


Teil III: Rauschgift von Algerien nach Libyen und Tunesien

Obwohl in Tunesien der Gebrauch von Rauschgift (im Laufe dieses Artikels wird Alkohol nicht darunter gefaßt) streng bestraft wird, gaben in einer Umfrage des tunesischen Institutes für Gesundheit bei jungen Tunesiern zwischen 15 und 24 zehn Prozent an, daß sie bereits Drogen genommen und 3,5%, daß sie Drogen injiziert hätten.

Tatsächlich ist der Gebrauch von Haschisch (in Tunesien "Zatla" genannt) weit verbreitet, in den großen Städten ist es kein Problem, auf der Straße Dealer zu treffen und Drogen zu erhalten. In bestimmten Subkulturen, beispielsweise von arbeitslosen, kriminellen und generell unterprivilegierten Menschen dürfte nach den Schätzungen des Autors aufgrund von eigener Anschaung der Rauschgiftgebrauch, zumindest unter den Jugendlichen und Mittelalten, deutlich höher als 10% liegen.
Vor der Unabhängigkeit Tunesiens im Jahre 1956 war der Anbau und der Gebrauch von Haschisch für eigene Zwecke erlaubt, dies dürfte noch heute die Ursache für weithin fehlendes Unrechtsbewußtsein bzw. die Bezeichnung als "kleines Vergehen" sein.

Doch neben dem klassischen Haschisch, das meist aus Marokko (zweiter Platz in der Weltproduktion) stammt, finden zunehmend auch andere Drogen, wie Heroin, Kokain und besonders Barbiturate (Beruhigungsmittel, meist in Tablettenform) Zuspruch in Tunesien. Hinzu kommen "moderne" Drogen wie das synthetische Ecstasy und teilweise hausgemachte Derivate (die z.B. in den USA den Verdacht nähern, daß sie für barbarische Verhaltensweisen verantwortlich sind), sowie Drogentypen, die nur wenig finanziellen Aufwand erfordern, wie das Schnüffeln von Klebstoff.

Wöchentlich finden tunesische Sicherheitskräfte Rauschgift in Lagern und bei Transporten, und da geht es oft um Hunderte von Kilogramm, die bei einer Aktion auf einmal entdeckt werden, was darauf schließen läßt, daß die Verfügbarkeit von Rauschgift quasi unbegrenzt ist.

An und in der Nähe von Schulen werden Drogen durch Schulkinder verkauft, die dafür vom Dealer einen geringen, aber für die Kinder doch nennenswerten, Betrag erhalten.

Schon im Jahre 2007 wies die UN darauf hin, daß sich Afrika zunehmend zu einem Umschlagplatz für Drogen entwickelt.
Derzeit stammt so gut wie alles Haschisch aus Marokko und wird von dort über Algerien nach Tunesien transportiert.
Heroin stammt oft aus schwarzafrikanischen Ländern und wird entweder durch diese hindurch transportiert (via Mali, Togo, Nigeria,etc.), doch durchaus auch in Heroinlaboren vor Ort, z.B. im Niger oder in Guinea, hergestellt, sogar Direktflüge von Südamerika nach z.B. Mali sind dokumentiert. Der Schmuggelweg verläuft dann via Mali und Niger meist durch Libyen (oder den algerischen südlichen Teil der Sahara) weiter nach Europa, in manchen Fällen auch über Libyen nach Tunesien und von dort nach Europa.
Kokain wird meist über Westafrika geschmuggelt, hier sind z.B. Länder wie Senegal und Mali beteiligt, es wird geschätzt, daß etwa 25% der europäischen Nachfrage nach Kokain über diesen Weg transportiert werden.

Nach Angaben des Roten Halbmondes in Tunesien (das islamische Pendant zum Roten Kreuz) haben viele Drogen, die durch Tunesien geschmuggelt werden, das Zielland Libyen, so daß es so aussieht, als ob Libyen zu einem neuen Drogenmekka, oder besser, zu einer neuen Drogenverteilstation, wird, mit Zulieferungen aus mehreren Nachbarländern und Transporte in Richtung Norden übers Mittelmeer.

Insgesamt gesehen stellt der Drogenschmuggel ein wachsendes, wenn auch bisher nicht wesentliches, Problem in Tunesien dar, zudem war es in der Vergangenheit auch so, daß Tunesien nicht als ein Haupt-Durchgangsland für den Drogenschmuggel genutzt wurde.

Mit den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahren ist es allerdings zu befürchten, daß Drogenbanden Tunesien als Ausgangsland für den Schmuggel nach Europa, namentlich über Italien und die Balkanländer, verwenden werden.


Ergänzung zum Artikel:

In einer Studie der Weltbank aus dem Dezember 2013 werden folgende aktuelle Informationen aus einer Erhebung, die sie in Tunesien durchführte, genannt:
  • Bis zu 25% des gesamten Benzins, das in Tunesien verkauft wird, stammt aus Algerien und wird von Schmugglern nach Tunesien gebracht.
  • Es verkehren täglich etwa 3.000 Kleintransporter und PKW zwischen Algerien und Tunesien, etwa 60% schmuggeln Benzin und 7% Zigaretten.
  • Der Preisvorteil vieler Waren beim Schmuggel von Algerien nach Tunesien beträgt bis zum Fünffachen des Einkaufspreises (z.B. bei ausländischen Zigaretten, die Algerien 1 tunesischen Dinar und in Tunesien 5 tunesische Dinar kosten), geschmuggelt werden nicht nur Lebensmittel- (z.B. Käse, Saft, Tee, Kaffee) und Verbrauchsgüter (z.B. Fernseher, Klimaanlagen), sondern auch Stahlwaren (z.B. Matten), sowie Benzin.
  • Bei den Stahlwaren liegt der Handelsvorteil darin, daß in Algerien Stahl geringerer Qualität als in Tunesien vorgeschrieben, hergestellt wird, durch den Einsatz des minderwertigen doch preisgünstigen Stahls ergibt sich gegenüber der Verwendung des teueren tunesischen Stahls z.B. ein Vorteil für tunesische Baufirmen.
  • Einige Großhandelsware wird von tunesischen Großhändlern in z.B. China und der Türkei bestellt und über libysche Häfen angeliefert, dann von dort nach Tunesien geschmuggelt. Hierdurch ergeben sich Steuervorteile von bis zu 80%, die dadurch dem tunesischen Staat verlorengehen.
  • Hauptgüter, die via Ben Guerdane von Libyen nach Tunesien transportiert werden, sind: Benzin, Äpfel, Bananen, Autoreifen, Textilien, Schuhe, Fernseher, Satellitenempfänger, Kühlschränke und Klimaanlagen. Diese Waren werden in Libyen staatliche bezuschußt (subventioniert) und sind in Tunesien zusätzlich einer höheren Steuer unterworfen, was den regulären Verkaufspreis in Tunesien gegenüber Libyen auf das bis auf das 8fache verteuern würde.
  • Täglich werden Güter in 150-200 großen Lastzügen nach Tunesien gebracht, hinzu kommen 200-300 mittlere Lastwagen (auf sie wird eine "Standardsteuer/zoll" in Höhe von 50 Dinar beim Grenzübertritt angewendet) und 500-600 kleinere Fahrzeuge (z.B. PKW und Sprinter).
  • Die Hälfte der kommerziellen Transporter, die die Grenze von Tunesien nach Libyen überqueren, befördern Milch, Eier, Gemüse oder Düngemittel - und zwar trotz des Verbotes des Exports von Lebensmitteln aus Tunesien heraus. Düngemittel sind in Tunesien staatlich subventioniert, jedoch nicht in Libyen.
  • Tabak (Import), Alkohol (Export) und Medikamente (Im- und Export) werden nicht über die offiziellen Grenzübergänge, sondern per "Ameisentransporte" abseits der Grenzübergänge zwischen Tunesien und Libyen, namentlich zum Süden hin, transportiert.
  • Die Verluste für den tunesischen Staat (Steuereinnahmen, Zollgebühren) werden auf etwa 1,2 Milliarden Dinar geschätzt (allein bei Zigaretten beträgt der Steuerausfall um die 40%), die Aufbringungsquote (wieviele geschmuggelten Güter werden von Behörden aufgebracht) liegt bei etwa 5%.
  • Der durchschnittliche Verdienst für einen Schmuggler liegt zwischen 1.000 und 5.000 Dinar/Jahr, also etwa bei 250 Dinar/Monat und damit noch unterhalb des offiziellen Mindestlohns in Tunesien.
  • Die Weltbank bezeichnet insbesondere die "Standardsteuer" an der libyschen Grenze als Schwachpunkt, weil hiermit eine weitgehend unkontrollierte Einfuhr auch sicherheitsrelevanter Waren (Waffen, Drogen) möglich ist. Im algerischen Grenzgebiet (auf tunesischem Gebiet) beobachtete die Weltbank ein deutliches Desinteresse von Sicherheitskräften an der Überprüfung von potentiellen Schmugglerfahrzeugen.
  • Um die 20% der Arbeitsbevölkerung im Großraum zur libyschen Grenze sind im Schmuggel aktiv, in der Stadt Ben Guerdane sind es über 80%.
Umrechnung: 1 tunesischer Dinar = ca. 0,44??? (Stand Februar 2016)

Die Weltbank hebt hervor, daß sich die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Schmuggels in erster Linie auf die technische Ausrüstung und nicht auf das Personal beziehen und insofern teuer, doch wenig effektiv sind. Sie befürchtet, daß eine weitere Steigerung der Finanzierung lediglich in einem erhöhten Korruptionsmaß resultieren, den Schmuggel selbst also kaum vermindern und sogar den Einfluß der Regierung auf die Grenzkräfte eher verringern wird (weil diese von den Schmugglern weit besser bezahlt werden, als von der Regierung).


(Erstveröffentlichung 2014 in einem Forum, für die Veröffentlichung hier vom Autor durchgesehen und bearbeitet)


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